Lebensstil

Milieu, soziales

zum Seitenanfang


Lebenswelt

Bisweilen wird der Begriff "Lebenswelt" dem der Kultur vorgezogen. Im Sinne von Alfred Schütz ist Lebenswelt der fraglose Rahmen oder Horizont unserer Selbst- und Weltauslegung, der selbst per definitionem nicht thematisiert wird. Sie umfasst alle selbstverständlichen Deutungsmuster, über die wir uns normalerweise keine Gedanken machen. Erst in der Konfrontation mit einer fremden Lebenswelt werden sie problematisch (z. B. im Exil). Lebenswelt als Begriff kennt nicht die Zweiteilung in hohe und Alltags-Kultur, die zu Missverständnissen führen kann. Andererseits impliziert Lebenswelt nicht die Machtdimension, die im Kulturbegriff mitschwingt; diskursive Momente sind nicht im Begriff enthalten (vgl. Auernheimer 2003: 76). Kultur; Habitus; Macht
Bei Jürgen Habermas ("Theorie des kommunikativen Handelns", 1981) bezeichnet Lebenswelt "die alltäglichen und selbstreproduzierenden Wirklichkeitsbereiche des Menschen: die Interaktionen zwischen Menschen bilden ein Netz kommunikativer Alltagspraxis, das als Medium fungiert, um Person, Gesellschaft und Kultur zu reproduzieren" (Wille 2003; Internetquelle).

zum Seitenanfang


Legitimität (soziokulturelle)

Einer der drei soziokulturellen Schlüsselfaktoren im BMZ-Konzept: "Legitimität der politischen Führerschaft" erfasst zum einen die Macht- und Entscheidungsstrukturen in einem Land oder in einem spezifischen Kontext. Mindestens ebenso wichtig sind die Akzeptanz eines Vorhabens und die Legitimität eines Projektträgers: "Wollen die Zielgruppen das Projekt überhaupt?" und "Sind sie bereit, mit dem Träger zu kooperieren?"

zum Seitenanfang


Leitkultur

Der Begriff wurde vom Politikwissenschaftler Bassam Tibi Ende der 1990er Jahre in die deutsche öffentliche Debatte eingeführt. Er ging davon aus, dass, so wie jeder Mensch eine personale, individuelle Identität hat, auch jede Großgruppe (z. B. eine Nation) über eine soziale, kollektive Identität verfügt. Damit kommt er den Thesen Samuel Huntingtons sehr nahe. Für die Bedingungen einer Einwanderergesellschaft mit ca. 10 Millionen ›Fremden‹ sei ein gemeinsamer Nenner erforderlich. Hierfür schlägt Tibi die "... aufklärerischen und säkularen Werte der europäischen [nicht der deutschen!, ms] Zivilisation als Basis für eine Leitkultur in der Bestimmung eines Wertekonsens zwischen Deutschen und Einwanderern vor" (Tibi 2001; Internetquelle).
Seine Warnung vor einer ›kulturellen Balkanisierung‹ und der ›Entstehung von Parallelgesellschaften‹ in Deutschland war Wasser auf die Mühlen multikulturalismuskritischer konservativer politischer Kräfte. Zuwanderer sollten die deutsche Kultur als Leitkultur anerkennen und sich einfügen (Assimilation) – andernfalls solle ihnen der Zugang nach Deutschland verwehrt bleiben.
Als prominentester Opponent in der Debatte kritisierte Dieter Oberndörfer (Politologe aus Freiburg), dass Kultur keine verbindlich vorgegebene kollektive Orientierungsgröße sein könne. "In der Republik gibt es keine nationalen Religionen oder Leitkulturen, die für ihre Bürger verbindlich gemacht werden dürfen. (...) Die Kultur der Deutschen kann immer nur der gesamte und in sich überaus vielfältige Güterkorb der kulturellen Werte aller deutschen Staatsbürger sein. ›Die‹ oder ›eine‹ für alle verbindlich definierte Kultur darf es in einem republikanischen Verfassungsstaat nicht geben" (Oberndörfer 2001; Internetquelle). Integration; Nationalkultur

zum Seitenanfang


Lernbereitschaft, interkulturelle

"Bereitschaft, interkulturelle Situationen als Lernsituationen und nicht als Bedrohung oder notwendiges Übel zu betrachten. Dies sollte verknüpft sein mit einer Neugierde auf Fremdes" (Wille 2003; Internetquelle).

zum Seitenanfang


Lernen, globales

Globales Lernen steht für ein Ende der 1980er Jahre im Rahmen der Globalisierungsdebatte neu aufkommendes offenes Konzept allgemeiner und politischer Bildung. Es "kombiniert eine Erziehung zu Weltoffenheit und Empathie mit fachübergreifenden Wissensinhalten zu Eine-Welt-Themen und innovativen, partizipativen Lernmethoden. Dabei wird versucht, vom heute üblichen Kategoriendenken (Erste Welt, Zweite Welt, Dritte Welt) wegzukommen und global für die gesamte Welt zu denken und zu handeln" (Wikipedia 2004: Globales Lernen; Internetquelle; vgl. auch Arbeitsgemeinschaft Globales Lernen; Internetquelle; Gesiz/Melchers 2002).
Nach Lin (1999) problematisiert globales Lernen, "was und wie wir zukünftig lernen sollen, um in der zusammenwachsenden Weltgesellschaft Orientierung gewinnen, Handlungskompetenz erwerben und Verantwortung wahrnehmen zu können. Globales Lernen nimmt zur Herausarbeitung gemeinsam zu lösender Aufgaben aus der Dritte-Welt- bzw. entwicklungspolitischen, Umwelt-, Friedens-, Menschenrechts- und interkulturellen Erziehung Impulse auf und stellt deren Zusammenhänge, Überschneidungen und gemeinsamen Grundsätze unter die inhaltlichen Zielperspektiven Zukunftsfähigkeit und nachhaltige Entwicklung. (...) Angestrebt wird die Erweiterung des eigenen Bildungshorizonts angesichts globaler Zusammenhänge, die Reflexion der eigenen Identität im Zusammenhang mit der Fähigkeit, die Welt aus der Sicht anderer zu betrachten, das Überdenken des eigenen Lebensstils im Hinblick auf die globalen sozialen und ökologischen Folgen sowie die Förderung der Fähigkeit, auf der Basis regionalen Handelns auch auf die Bewältigung globaler Herausforderungen Einfluss zu nehmen. (...)
Kritisch zu fragen ist, inwieweit die bisherige Praxis entwicklungspolitischer Bildung im globalen Lernen nicht lediglich einen neuen Namen bekommt. UNESCO und UNICEF arbeiten bereits seit Jahren mit Konzepten zum globalen Lernen unter dem Begriff ›development education‹." (Lin 1999; Internetquelle). Entscheidend für die Weiterentwicklung ist nach Kiel, welches Konzept von Weltkultur als Leitbild der Praxis globalen Lehrens und Lernens dienen soll (Kiel 2001: Internetquelle; vgl. auch die Homepage des Instituts für Friedenspädagogik für einen Gesamtüberblick zur Thematik: www.friedenspaedagogik.de).

zum Seitenanfang


Lernen, interkulturelles

Allgemein kann unter interkulturellem Lernen jede persönliche Entwicklung verstanden werden, die zum Erwerb interkultureller Kompetenz beiträgt. In Anlehnung an eine Definition von Alexander Thomas findet interkulturelles Lernen statt, wenn sich ein Mensch im Umgang mit Menschen einer anderen Kultur auf deren spezifisches Orientierungssystem des Wahrnehmens, Denkens, Fühlens, Wertens und Handelns einlässt, es zu verstehen, in das eigenkulturelle Orientierungssystem zu integrieren und auf das eigene Denken und Handeln im fremdkulturellen Kontext anzuwenden sucht (Thomas 1996; 1999). Dieser Prozess schließt die Reflexion, ggf. Relativierung oder Revision des eigenkulturellen Systems ein und kann zu einer Übernahme "fremdkultureller Standards" führen (Kulturstandards). Ziel des interkulturellen Lernens ist es, Toleranz gegenüber anderen kulturellen Meinungen und Wertvorstellungen bzw. die Fähigkeit zu entwickeln, eine neue Kultur bewusst positiv zu erleben und innerhalb dieses kulturellen Rahmens kompetent zu arbeiten.

Modell interkultureller Lernphasen/-ebenen
(Zülch 2004: 46; verändert nach Töpfer/Linstädt 2002: 34-36).

Für eine Systematisierung der verschiedenen Phasen bzw. Ebenen interkulturellen Lernens finden sich in der Literatur verschiedenste Ansätze. Aufbauend auf dem bekannten 6-Phasenmodell von Milton Bennett (Denial, Defense, Minimization, Acceptance, Adaption, Integration; vgl. Bennett 1986) bietet Zülch in Anlehnung an Töpfer/Linstädt (2002: 34-36) ein Modell an, das vom Ethnozentrismus, über mehrere "Hürden" einer bewussten Auseinandersetzung mit Fremdkulturellem, bis zur "Multikulturalität" reicht. Dabei werden auch die drei Strukturdimensionen interkultureller Kompetenz (kognitive, affektive und konative) mit abgebildet.
Kulturkompetenz; Kompetenz, interkulturelle; Lernen, globales; Lernen, transkulturelles Training, interkulturelles

zum Seitenanfang


Lernen, transkulturelles

Transkulturelles Lernen ist nach Flechsig auf die Entwicklung von Kompetenzen ausgerichtet, "die Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund befähigen, auf lokaler wie auf globaler Ebene Aufgaben zu bearbeiten und Lösungen zu finden, die sowohl auf die Erhaltung und Weiterentwicklung eigener kultureller Identität als auch der Ermöglichung gemeinsamer Lebens- und Überlebensleistungen gerichtet sind." (Flechsig 1996; Internetquelle)

zum Seitenanfang


Living Culture

Der von der Weltbank benutzte Ausdruck ›Living Culture‹ bezieht sich auf soziale Praktiken, Gemeinschaftsleben, Werte und Einstellungen sowie auf expressive Formen wie Sprache, Kunst, Handwerk, Musik, Tanz, Dichtung und Literatur (World Bank 1998).

zum Seitenanfang


Living Human Treasures

Nach einer UNESCO-Definition, die dazu 1996 "guidelines for the establishment of a ›Living Human Treasures‹ system" aufgestellt hat, sind Living Human Treasures "... persons who embody, who have in the very highest degree, the skills and techniques necessary for the production of selected aspects of the cultural life of a people and the continued existence of their material cultural heritage." Das Programm soll die Weitergabe traditionellen Wissens und traditioneller Fähigkeiten von Künstlern und Kunsthandwerkern ermöglichen, bevor diese durch Nichtgebrauch oder fehlende Anerkennung verloren gehen. Es steht in engem Zusammenhang mit dem Schutz des materiellen und immateriellen Kulturerbes (vgl.UNESCO Kulturportal; Internetquelle).

zum Seitenanfang


Lokales Wissen

Lokales Wissen in einem weiteren Sinne ist ›situated knowledge‹, wo (verschiedene) Menschengruppen, die zusammen ein Habitat bewohnen, auf lokal verfügbare (Wissens)Ressourcen zurückgreifen. Es ist nicht immer gleichzeitig indigenes Wissen (vgl. Nazarea 1999; Antweiler 2003a).

zum Seitenanfang


Lokalisierung

Die Umformung bzw. Veränderung von externen Einflüssen bzw. globalen Kräften in einem jeweils spezifischen kulturellen Feld.
Innerhalb des Prozesses der Globalisierung wird mit diesem Begriff die aktive, nicht rein rezeptive bzw. reaktive Rolle lokaler Kultur (lokales Wissen) hervorgehoben, der dazu führt, dass z. B. globale Ideen oder Produkte vor Ort nicht nur angenommen oder zurückgewiesen, sondern kreativ angeeignet (appropriation), umgedeutet oder umkonstruiert werden. Globalisierung, kulturelle; Glokalisierung

zum Seitenanfang



Begriffe: L

Lebensstil
Lebenswelt
Legitimität
Leitkultur
Lernbereitschaft, interkulturelle
Lernen, globales
Lernen, interkulturelles
Lernen, transkulturelles
Living Culture
Living Human Treasures
Lokales Wissen
Lokalisierung
Kontakt Autor Literatur Suche Links Einleitung Impressum