Eigenes

"Eine Kultur bzw. Lebenswelt wird dann als ›eigene‹ und ›nichtfremde‹ bezeichnet, wenn die Kontextbedingungen ein alltagsbezogenes Routinehandeln ermöglichen, das für den Handelnden durch Plausibilität bzw. Normalität und Sinnhaftigkeit charakterisiert ist" (Wille 2003; Internetquelle). Das Eigene entsteht und existiert immer nur im bzw. als Vergleich und Kontrast zum Fremden (Rösch 2004). Nur im Verhältnis zwischen Autostereotyp (Selbstbild) und Heterostereotyp (Fremdbild) wird es deshalb erschließbar.

zum Seitenanfang


Eisbergmodell

Das in der Kulturwissenschaft gerne verwendete Modell verdeutlicht, dass immer nur ein kleiner Teil kultureller Spezifik sichtbar oder wahrnehmbar ist. Das Wahrnehmbare selbst (perceptas) ist wiederum "Zeichen" für zugrunde liegende (aber als solche nicht sichtbare) Denk- und Handlungskonzepte (conceptas).

Das Eisbergmodell; Quelle: IKO 2004; Internetquelle
zum Seitenanfang


Emisch vs. Etisch

Emisch ist die Innensicht bzw. Binnenperspektive von Mitgliedern einer Kultur, während "etisch" die distanzierte Außensicht bezeichnet. Emisches Forschungsvorgehen versucht, universelle und eigenkulturelle Kriterien bzw. Erfassungskategorien auszublenden, um die fremde Kultur ›von innen‹ her zu verstehen und zu beschreiben. Dieser Anspruch besteht insbesondere bei der teilnehmenden stationären ethnologischen Feldforschung. Der etische Forschungsansatz sucht universell gültige Kategorien. Er eignet sich insbesondere für kulturvergleichende Studien. Cross-Cultural Studies

zum Seitenanfang


Empathie

"Als Empathie (griech. = Mitfühlen) bezeichnet man die Fähigkeit und vor allem die Bereitschaft eines Menschen, sich in andere hineinzuversetzen und sich über ihr Handeln, Verstehen und Fühlen klar zu werden. Wesentlich dabei ist, dass der eigene Affektzustand dem Gefühlszustand einer anderen Person entspricht. Dies wird dadurch ausgelöst, dass man die Perspektive der anderen Person einnimmt und ihre Gefühle versteht. Beispielsweise in Anti-Aggressions-Therapien wird die Fähigkeit von (potenziellen) Gewalttätern gefördert, sich empathisch in ihre Opfer hineinzuversetzen" (Wikipedia 2004: Empathie; Internetquelle).
Empathie bezeichnet das Einfühlungsvermögen in Bezug auf die Befindlichkeiten und Denkweisen anderer, ohne dass damit zwangsläufig eine (vollständige) Akzeptanz der Positionen der anderen einhergeht. Im engeren Sinne ist Empathie das unfreiwillige Empfinden der Emotionen eines anderen.

zum Seitenanfang


Empowerment

Wörtlich aus dem Englischen übersetzt heißt Empowerment Bevollmächtigung oder Ermächtigung. Im wirtschaftlichen Bereich meint der Begriff die Übertragung von Verantwortung auf Untergebene. "Mit Empowerment bezeichnet man Strategien und Maßnahmen, die geeignet sind, das Maß an Selbstbestimmung und Autonomie im Leben der Menschen zu erhöhen und sie in die Lage zu versetzen, ihre Belange (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortet und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstbemächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen. Im Deutschen wird Empowerment gelegentlich auch als Selbstkompetenz bezeichnet" (Wikipedia 2004: Empowerment; Internetquelle).
Der GTZ zufolge wird in der Entwicklungszusammenarbeit unter Empowerment ein fortdauernder Prozess verstanden, der bei benachteiligten Bevölkerungsgruppen das Selbstvertrauen stärkt, sie zur Artikulation ihrer Interessen und zur Beteiligung in der Gemeinschaft befähigt und ihnen den Zugang zu und die Kontrolle von Ressourcen verschafft, damit sie ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten und sich am politischen Prozess beteiligen können. Insofern nimmt die Veränderung von sozialen, ökonomischen, rechtlichen und politischen Institutionen, welche die gegenwärtigen Machtverhältnisse verkörpern, eine zentrale Stellung ein. So zielt z. B. der Empowerment-Ansatz in der Frauenförderung auf Selbstbestimmung, Erweiterung der Selbstorganisation und eine aktivere Rolle von Frauen in allen gesellschaftlichen Prozessen ab (vgl.: GTZ 2004b; Internetquelle).
Die DEZA betont die politische Dimension des Engagements für die Benachteiligten und ihr Empowerment. Dadurch werden Entwicklungsmodelle, Interessen und Machtverhältnisse in Frage gestellt: "Wenn wir uns zusammen mit den Armen für eine Veränderung dieser Verhältnisse engagieren, so nehmen wir unvermeidlich Konflikte in Kauf, latente Konflikte werden sichtbar oder brechen auf. Die Armutsgrundsätze verpflichten uns, Spielräume, Mechanismen und Fähigkeiten für friedliche Lösungen von Konflikten zu unterstützen" (DEZA 2004; Internetquelle).
Das UN-Entwicklungsprogramm hat mit dem Index "Gender Empowerment Masure"/GEM einen geschlechtsbezogenen Empowerment-Index eingeführt. GEM misst die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei ökonomischen und politischen Wahlmöglichkeiten (vgl. Holtz 2006).

zum Seitenanfang


Enkulturation

Der auf den Ethnologen Herskovits zurückgehende Begriff bezeichnet das informelle Lernen, Beobachten und Nachahmen kultureller Verhaltensweisen beim Hineinwachsen in eine soziokulturelle Umgebung. In Erweiterung zum Sozialisationsbegriff betont Enkulturation die kulturspezifische Dimension von Wissenserwerb, wie auch kulturspezifische Methoden der Umsetzung von Wissen. Das Individuum lernt dabei die Möglichkeiten der persönlichen Entfaltung (Identität, Orientierungswissen) ebenso kennen wie das Respektieren der kulturellen Rahmenbedingungen. Enkulturation ist stets auf die Primärsozialisation bezogen, während Akkomodation und Akkulturation hierauf aufbauen und von daher der Sekundärsozialisation zugerechnet werden (vgl. IKO 2004; Internetquelle).

zum Seitenanfang


Entwicklung

Biologisch verwendet meint Entwicklung den Lebenszyklus von Pflanzen und Tieren. Erst seit dem 17. Jh. wird der Begriff, der mit dem lateinischen explicare und dem französischen évoluer in Verbindung steht, i. S. von ›Gedanken entwickeln, sich herausbilden‹ verwendet. Seit dem ausgehenden 19. Jh. findet er Verwendung als Metapher für Vorgänge in Wirtschaft, Gesellschaft und Psychologie. Im modernen Sinne meint er seit dem 20. Jh. einen linearen Prozess ›menschlichen Fortschritts‹. Beim transitiven Entwicklungsbegriff geht es darum, etwas anderes zum Gegenstand eigener Entwicklungsbemühungen zu machen.
Wie der Kulturbegriff, ist der Entwicklungsbegriff historisch und politisch so stark und gleichzeitig gegensätzlich besetzt, dass eine einheitliche Definition kaum möglich scheint. Holtz (2006) definiert Entwicklung als einen mehrdimensionalen, komplexen Prozess, "der auf die Befriedigung der Grundbedürfnisse und die Sicherung eines menschenwürdigen Lebens in Freiheit von Not und Furcht für alle, auf Frieden sowie die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaften und der Einen Welt abzielt". Mit ähnlichem Tenor meint die Südkommission - ein Zusammenschluss von Nicht-OECD-Ländern 1990: "Entwicklung ist ein Prozess, der es den Menschen ermöglicht, ihre Fähigkeiten zu entfalten, Selbstvertrauen zu gewinnen und ein erfülltes und menschenwürdiges Leben zu führen".
Mit ganz anderem Tenor findet nach Toynbee Entwicklung dort statt, wo auf eine Herausforderung eine Antwort erfolgt ("challenge and response"). Nach dieser Diktion bräuchte Entwicklung also einen externen Stimulus. ›Autodéveloppement‹ gäbe es danach nicht (vgl. Thiel 2003). Eine beißende Kritik an dem mit Präsident Trumans Amtsantrittsrede von 1949 "als westliche Dominanzmetapher umgeformten Entwicklungsbegriff" und ein Plädoyer für dessen analytische Dekonstruktion liefert z. B. Gustavo Esteva (1993).
Bierschenk behandelt den Begriff ›Entwicklung‹ in drei Dimensionen: als analytische Kategorie, als Forschungsgegenstand und als politische Praxis. Letztere ist gekoppelt "an eine Ideologie bzw. einen moralischen Diskurs über die Wünschbarkeit von gesellschaftlichen Zuständen" (Bierschenk 2003b).
Entwicklung kann nach Bierschenk untersucht werden: Entwicklung findet auch konträr zu den Intentionen der Entwicklungshilfegeber statt. Manches, was als Entwicklungsbremse dargestellt wird, ist eher als Ausdruck von nicht wahrgenommenen endogenen Entwicklungsvorstellungen zu sehen. Deshalb definiert die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie Entwicklung z. B. "als die Verbesserung der Situation von Menschen gemäß ihrer eigenen Kriterien und Ziele vor dem Hintergrund einer gemeinsamen globalen Verantwortung" (AGEE; Internetquelle). Die Finnische EZ-Agentur verweist auch auf die negative Reichweite von Entwicklung: Jeder Akt von Entwicklung ist danach auch ein Akt der Zerstörung. Jeder Wechsel greift in die Physiologie, Psychologie und in das Verhalten der Bevölkerung ein (vgl. Finnida 2004; Internetquelle).
Die UNESCO verbindet 2001 den Entwicklungsbegriff mit dem der kulturellen Vielfalt: "Kulturelle Vielfalt erweitert die Freiheitsspielräume jedes Einzelnen; sie ist eine der Wurzeln von Entwicklung, wobei diese nicht allein im Sinne des wirtschaftlichen Wachstums gefasst werden darf, sondern als Weg zu einer erfüllteren intellektuellen, emotionalen, moralischen und geistigen Existenz" (UNESCO 2001, Art. 3 der Dekl. zur kulturellen Vielfalt: Internetquelle). Der neueste UNDP Human Development Report 2004 verbindet ebenfalls Entwicklung mit kulturellen Kriterien.

zum Seitenanfang


Entwicklung, autozentrierte

Nach Schubert und Klein bezeichnet autozentrierte Entwicklung die "Entwicklungsstrategie, die den Ländern der Dritten Welt empfiehlt, sich strikt an den Produktionsmöglichkeiten und Nachfragepotentialen des Binnenmarktes zu orientieren, sich insofern dem Druck des Weltmarktes zu entziehen und somit wirtschaftliches Wachstum durch Aufbau und Entfaltung der eigenen Ressourcen und Möglichkeiten zu ermöglichen" (Schubert/Klein 2001). Das Konzept ist eng mit dem Zentrum/Peripheriemodell der Dependenztheorie verknüpft (vgl. Amin 1974). Es wurde wie die Dependenztheorie wegen seiner ausschließlichen Betonung der externen entwicklungshemmenden Faktoren kritisiert und in der Folge modifiziert und relativiert (vgl. Senghaas 1982 und Menzel 1988).
Hein (2001 in E+Z) plädiert dafür, den Begriff von der ausschließlichen ökonomischen Konnotation zu befreien, so dass er "im Allgemeinen einen strukturell bedingt selbstreferentiellen Entwicklungsprozess einer Gesellschaft bezeichnet" und somit Antworten auf die Frage nach den spezifischen lokalen Entwicklungspotentialen und -problemen im Rahmen einer ›Good Governance‹-Strategie gibt. Der Ansatz der autozentrierten Entwicklung wurde vor allem von Autoren/innen aus der Dritten Welt vertreten. Endogene entwicklungshemmende Faktoren; Entwicklung

zum Seitenanfang


Entwicklung, soziale

Die Weltbank-Arbeitsdefinition für Social Development bezieht sich auf die Relationen und institutionellen Bedingungen in einer Gesellschaft und auf die historischen, politischen und institutionellen Bedingungen, die Projekt- und Politikergebnisse beeinflussen. Ziel des Social Development ist es, das Empowerment armer Menschen zu stärken, indem man ihre Fähigkeiten und sie mit einschließende Institutionen (inclusive institutions) fördert.
Es geht um Partizipation und Bürgerengagement, um social analysis, Konfliktprävention und Wiederaufbau, von Gemeinschaften selbst angetriebene Entwicklung und soziale Sicherheit. Sozial verantwortliche Entwicklung muss verschiedene Ebenen (regional, national, lokal) und deren Einflüsse auf die Vorhaben beachten. So muss z. B. analysiert werden, wie arme Menschen einen fairen Zugang zum Markt erhalten. Seit Frühjahr 2004 gibt es dazu ein Strategiepapier (World Bank 2004; Internetquelle).

zum Seitenanfang


Entwicklungsethnologie

Dieser Bereich der Ethnologie beschäftigt sich mit modernen, weltweiten sozialen und kulturellen Wandlungsprozessen; in Deutschland wird er vor allem durch die Arbeit der AGEE (z. B. Bliss, Antweiler, Schönhuth) vorangetrieben, die seit 1986 einen kontinuierlichen Dialog mit der Entwicklungspraxis etabliert hat. Zur Frage der praktischen Involvierung von EntwicklungsethnologInnen in die Arbeit von EZ-Organisationen (vgl. Dettmar 1999) hat die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie ethische Richtlinien formuliert.
Im Gegensatz dazu liegt der Fokus einer "Ethnologie der Entwicklung" auf der Untersuchung der Strukturen, in denen Entwicklung stattfindet, und der Institutionen und Akteure, die dabei eine Rolle spielen. In Deutschland vor allem erforscht durch Schüler des Bielefelder Entwicklungssoziologen Hans-Dieter Evers (Bielefelder Verflechtungsansatz und strategischer Gruppenansatz; dazu Bierschenk 2002) und die "Berliner Schule" um Elwert und Weiß (vgl. Hüsken 2004).

zum Seitenanfang


Entwicklungsethnologie und Kultur

Einen wichtigen Beitrag zur Renaissance der soziokulturellen Dimension hat die deutsche Entwicklungsethnologie geleistet. Ihr Engagement hat dazu beigetragen, dass die Einbeziehung soziokultureller Faktoren und Partizipation bei der Planung, Implementierung und Evaluierung von EZ-Projekten heute zum entwicklungspolitischen Standard gehört. Exemplarisch für dieses Engagement ist die Erweiterung der Simsonschen soziokulturellen Schlüsselfaktoren durch Bliss, Gaesing und Neumann (1997), aber auch die Beiträge von Schönhuth und Kievelitz (1993) zur Differenzierung der Appraisal-Verfahren in der GTZ und die Überlegungen zur interkulturellen Problematik der "Zielorientierten Projektplanung" (ZOPP) von Kievelitz und Tilmes (1992).
Im Gegensatz zu anderen Expertengruppen der EZ bezieht die Entwicklungsethnologie eine explizit politisch verstandene Position. Hierzu gehört sowohl die Selbstverortung als Anwaltschaft für die Zielgruppen der EZ, als auch die Formulierung einer moralisch-ethischen Agenda für die gesamte entwicklungspolitische Praxis. Bliss und Schönhuth haben dazu acht "Ethische Leitlinien für die entwicklungspolitische Praxis" (re)formuliert. Sie verstehen ihren Regelkanon als Orientierungshilfe und Handlungsanweisung für Gutachter und Projektexperten zur Lösung von Loyalitätskonflikten, die sich aus dem Spannungsfeld der Interessen von Auftraggebern, Zielgruppen und der internationalen Öffentlichkeit ergeben (Bliss/Schönhuth 2002: 4). Die Zeitschrift Entwicklungsethnologie der AGEE dokumentiert seit 15 Jahren die Arbeit von EntwicklungsethnologInnen. (www.entwicklungsethnologie.de).

zum Seitenanfang


Entwicklungsethnologie und partizipative EZ

Die partizipative EZ in Deutschland wurde unter anderem durch Arbeiten von Entwicklungsethnologen wesentlich beeinflusst. So wurde das Handbuch zu partizipativen Methoden in der EZ von zwei Ethnologen verfasst (Schönhuth/Kievelitz 1993). Am Zielgruppenansatz der TZ und dessen Einbindung in die Strategien der FZ waren Ethnologen ebenfalls maßgeblich beteiligt (Bliss/König 2003). Auch die kulturellen Grenzen partizipativer Ansätze wurden von ihnen bearbeitet (Hess et al. 1998).

zum Seitenanfang


Entwicklungsfaktoren, endogene

Axelle Kabou beschäftigt sich in ihrer Streitschrift gegen ›schwarze Eliten und weiße Helfer‹ (1993) mit den endogenen Faktoren der afrikanischen Entwicklungsproblematik. Mit Blick auf die erfolgreichen Asiaten mahnt die Autorin an, dass Afrika sich für seine Geschichte selbst verantwortlich fühlen und sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen solle. Sie grenzt sich damit von der Mehrheit afrikanischer Politiker und Intellektueller ab, die im Weltwirtschaftssystem und im (Post-)Kolonialismus die Schuld an den Problemen sehen (Dependenztheorie). Wegen ihres letztlich wieder modernisierungstheoretischen Lösungsansatzes und der These der ›kulturfreien‹ Übertragbarkeit asiatischer Modelle (so z. B. eine Kritik von Menzel 1994: 51) wurde Kabous Ansatz nicht nur von afrikanischen Linksintellektuellen heftig kritisiert. Autozentrierte Entwicklung

zum Seitenanfang


Entwicklungspartnerschaft

In der Definition des BMZ: "Eine Entwicklungspartnerschaft ist eine langfristig ausgerichtete Zusammenarbeit mit gleichberechtigten Partnern (BMZ 2001b: 68), in der, wie das Wort ›gleichberechtigt‹ schon suggeriert, der Partizipation eine wichtige Rolle zukommt."
Wie auch beim Dialog auf Augenhöhe lässt sich der Begriff der Entwicklungspartnerschaft auch dazu benutzen, das vorhandene Machtgefälle in der Entwicklungszusammenarbeit euphemistisch zu verschleiern. Er steht in auffälligem Widerspruch zur Konditionalisierung, d. h. der Bindung von Entwicklungshilfe an vom Westen definierte entwicklungsfreundliche Bedingungen.
Macht; Interkultureller Dialog; Partizipation in der EZ

zum Seitenanfang


Entwicklungstheorien

In den klassischen Entwicklungsansätzen spielt die kulturelle Dimension von Entwicklung keine Rolle. Dependenztheoretiker hindert der ›sozialistische Fernblick‹ (Faschingeder et. al. 2003), in Kultur und Tradition mehr zu sehen als nur ein Entwicklungshemmnis hin zur klassenlosen Gesellschaft. (vgl. auch Clash of Cultures; kulturalistische Modernisierungstheorie: gleiches Argument!) Die Grundbedürfnisstrategie der 1970er Jahre plante vor allem für Betroffene, blieb letztlich den westlichen Handlungsrationalitäten verhaftet und damit ebenfalls kulturblind. Selbst die Vertreter einer autozentrierten Entwicklung des Südens thematisieren Kultur in erster Linie als Herrschaftsinstrument oder Kampfarena, in der Schlachten um die Konstruktion von Identitäten ausgetragen werden.
Auch nach Auflösung der Lagergrenzen blieben etliche Autoren dem eurozentrischen Weltbild verhaftet (Senghaas 1982: "Von Europa lernen"). Heute ist breiter Konsens in der angewandten internationalen Forschung und entwicklungspolitischen Diskussion, dass Kultur im Entwicklungsprozess eine Rolle spielt, und dass entwicklungspolitische Maßnahmen dann am besten funktionieren, wenn sie auf der Basis des Alltagswissens (lokales Wissen) von Zielgruppen aufbauen.
Die von Huntington und anderen vertretene Modernisierungsthese, nach der bestimmte essentiell vorgestellte Kulturen die menschliche Entwicklung hemmen, und andere die menschliche Entwicklung fördern (›Kultur als Entwicklungshemmnis‹), wird vom Mainstream der internationalen Forschung als ebenso einseitig kritisiert, wie Arturo Escobars poststrukturalistische Entwicklungskritik, die "Kultur als ein System ideologischer Kontrolle"; versteht, mit dessen Hilfe die seit der Kolonialzeit bestehenden Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern aufrechterhalten und zementiert werden.
Für die Vertreter einer Richtung, die die homogenisierende Wirkung der Globalisierung uneingeschränkt befürworten, dient das Kulturargument häufig der Maskierung ökonomischer Ineffizienz (Kultur als Restkategorie).
Nach der Glokalisierungsperspektive (Robertson; Glokalisierung), die von der Mehrzahl der Autoren heute favorisiert wird, erfolgt Globalisierung nicht durch die Hand eines anonymen Marktes oder einer primordialen Prägung, sondern im Zusammenspiel unterschiedlich machthaltiger Strategien (Wimmer 1997). Globalisierung findet dann erfolgreich statt, wenn dies aus der Interessensperspektive lokaler Akteure Sinn macht, und wenn die globalen Muster in bereits etablierte politisch-kulturelle Muster einzufügen und umzudeuten sind.
Diese Perspektive geht von aktiv und strategisch handelnden Akteuren im Entwicklungsprozess aus, deren Partizipations- und Handlungschancen durch politische, sozioökonomische und soziokulturelle Rahmenbedingungen zwar mitbestimmt, aber nicht präformiert sind. Sie rechnet mit Kultur, liefert aber die Akteure ihren ›kulturellen Prägungen‹ nicht aus (Kultur als Fluxus).

zum Seitenanfang


Entwicklungszusammenarbeit

Während Kultur früher eher als Hindernis für die Entwicklung verstanden wurde, hat sich dieses Verständnis grundlegend gewandelt im Sinne von Kultur als Mittel für Entwicklung bis hin zu Kultur als Chance und Selbstzweck.
Deutlich wird diese positive Verbindung von Kultur und Entwicklung z. B. im Partizipationskonzept des BMZ von 1999. Auch das jüngste Evaluierungsraster für Gutachter (BMZ 2002) spricht diesen Zusammenhang an und bezieht sich dabei unter anderem auf eine Ex-Post-Evaluierung von 32 abgeschlossenen Projekten der deutschen Staatlichen Zusammenarbeit (BMZ 2000), die einen signifikanten Zusammenhang zwischen Zielerreichung und Kulturangepasstheit aufzeigte. Neben der kontinuierlichen finanziellen Leistungsfähigkeit des Projektträgers sind es ein partizipativ hergestellter Zielkonsens (Dialog auf Augenhöhe) und die Kulturangepasstheit, die maßgeblich nachhaltigen Erfolg oder Misserfolg von Projekten und Programmen bestimmen. Deshalb müsse den soziokulturellen Rahmenbedingungen der gleiche Stellenwert zukommen, wie ökonomischen und naturwissenschaftlichen.
Während diese empirischen Ergebnisse eindeutig für die Beachtung der Kultur als Rahmenbedingung für jegliche EZ sprechen, zeigt eine andere Erkenntnis aus der Evaluierung die Grenzen einer kulturellen Strategie auf: Die Akzeptanz der Durchführungsträger der FZ lag zu allen Untersuchungszeitpunkten deutlich höher als die der TZ-Projekte. Investitionsmaßnahmen liegen demnach offensichtlich weit eher im (wirtschaftlichen) Interesse der Partner als Vorhaben, die auf Veränderungen von Menschen und Organisationen ausgerichtet sind (BMZ 2000: 8).
Hält die Partnerseite vorwiegend einen Transfer von Technologie und Geldmitteln für notwendig, um Entwicklung anzukurbeln, so ist die deutsche Seite manchmal vorrangig an Strukturveränderungen und der Ausbildung von Managementfähigkeiten ("Können") bei den Partnern (Mittler und Zielgruppen) interessiert, wenn es um nachhaltige Entwicklung geht. Die Ausbildung von Strukturen und Befähigungen (capacities, capabilities, skills) hat neben politischen, wirtschaftlichen und umweltbezogenen Voraussetzungen immer auch eine soziokulturelle Dimension, die diese Strukturen und Befähigungen gesellschaftlich legitimiert und begründet, und ihnen Sinn und Konstanz verleihen. Damit wird jegliche Entwicklungsintervention auch zu einer kulturellen Intervention.
Zur Positionierung der GTZ bzgl. Kultur und Entwicklung, in der dem metaphorischen Begriff der kulturellen Bühne als funktionaler Handlungsrahmen von EZ eine wichtige Rolle zukommt, vgl. z. B.: Internetquelle.

zum Seitenanfang


Erlebniskultur

Erlebniskultur ist ein zentrales Merkmal der Konsumkultur, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Industriegesellschaften entwickelt hat. Sie stellt die Möglichkeit dar, Waren zu nutzen, um Erlebnisse und Erfahrungen zu machen. Der Wunsch, viele und intensive Erlebnisse zu haben, führt zu einer Steigerung der gesellschaftlichen Individualisierung (›Erlebnisgesellschaft‹); vgl. Hügel 2003; Hg.: 32 f. Insofern ist Erlebniskultur eng mit dem Begriff der Populärkultur verknüpft, in der Unterhaltung ein zentrales Element darstellt.

zum Seitenanfang


Essentialisierung

Essentialisierung ist die Festschreibung des anderen auf seine Andersartigkeit bzw. des Eigenen auf seine ursprüngliche Wesenheit (Essenz), wobei innere Differenzen nivelliert werden. "Essentialismus beschreibt die Annahme, dass Gegenstände - unabhängig von Kontext und Interpretation - eine ihnen zu Grunde liegende, alle Veränderungen überdauernde Essenz aufweisen, die ihre ›wahre Natur‹ bestimmt und sie notwendig zu dem macht, was sie sind." (Babka/Posselt 2003; Internetquelle).
Die Folgen der Essentialisierung von Kultur zeigen sich zum Beispiel in: zum Seitenanfang


Essentialismus, kultureller

In den 1970er Jahren begannen zahlreiche Gruppen (von Minderheiten bis Nationen) die Kategorien Kultur und Ethnos für sich offensiv zu übernehmen und im Rahmen ihrer kulturellen Besonderheiten Rechte zu erkämpfen und sich gegen konkurrierende Interessen durchzusetzen. Es ist eine Vielzahl neuer kultureller Identitäten entstanden oder geschaffen worden, und hat sich in Form eines offiziellen Multikulturalismus das öffentliche Bewusstsein erobert (Breidenbach/Nyíri 2004: 24). Kulturalismus; Essentialismus, strategischer

zum Seitenanfang


Essentialismus, strategischer

Der Ambivalenz einer Identitätspolitik von Gruppen, die sich über deren Konstruktionscharakter bewusst sind, sie aber für die Durchsetzung ihrer Interessen für unverzichtbar halten, stellt Gayatri Chakravorty Spivak 1985 den Entwurf des strategischen Essentialismus entgegen. Dieser stellt ein politisch motiviertes, mit der Einsicht in den Konstruktionscharakter kultureller Eigenarten verbundenes und daher reflektiertes Beharren auf gruppenspezifischen, essentiellen Wesenszügen und Authentizität dar (vgl. Stölting 2001; Internetquelle).
Dieter Senghaas (1998: 38-44) spricht in diesem Zusammenhang von der Haltung einer angestrebten "halbierten Modernisierung", die einerseits grundlegenden gesellschaftlichen Wandel will, andererseits jedoch bestimmte, einer Gruppe eigene Wesenszüge unbedingt zu erhalten wünscht. Strategischer Essentialismus ist eine Reaktion auf steigende gesellschaftliche Reflexivität (Giddens 1995) auf der einen Seite und steigenden Orientierungsbedarf in einer durch Komplexität und Kontingenz geprägten gesellschaftlichen Situation auf der anderen.
Umstritten ist die Frage, ob strategischer Essentialismus ein Modell für Identitätspolitiken in einer durch fortschreitende Enttraditionalisierung und globale Interdependenz geprägten Welt darstellt. (Vgl. Stölting 2001; Internetquelle). Kulturalismus; Identitätspolitik

zum Seitenanfang


Ethik

Ethik bezeichnet allgemein die Lehre oder Wissenschaft vom Sittlichen, jenen Teil der Philosophie, der das moralische Bewusstsein und Verhalten der Menschen zum Gegenstand hat (vgl. Buhr und Klaus 1971: 328).
"Der Name ›Ethik‹ ist vom griechischen Wort ethos abgeleitet. Dieses selbst weist mehrere voneinander unterschiedene Bedeutungen auf. Es bedeutet erstens, meist im Plural gebraucht, den gewohnten Aufenthaltsort, den Wohnsitz, die Wohnung, auch Heimat; zweitens, ebenfalls meist im Plural, die Gewohnheiten, das Herkommen, die gewohnte Art des Menschen, sich zu verhalten, die Lebensgewohnheiten, Sitten, Bräuche usw.; drittens das sittliche Bewusstsein, die sittliche Gesinnung und Haltung, den sittlichen Charakter, das Sittliche, die Sittlichkeit."
Die unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes spiegeln "unterschiedliche Entwicklungsetappen in der Geschichte (besonders Frühgeschichte) der menschlichen Gesellschaft" (Buhr und Klaus, 1971: 328): Erst steht der Begriff im materiellen Kontext, dann umfasst er das Verhalten, allerdings noch eng verbunden mit Verhältnissen des Zusammenlebens, heute wird er umfassend interpretiert.
Nach Kant ist ethisches Bewusstsein und Verhalten jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft über den Zugang der allgemeinen Vernunft möglich. Seine deontologische Ethik beruft sich auf Pflicht, auf die Motivation zur Handlung, während die utilitaristische Ethik eher das Ergebnis einer Handlung betrachtet.

zum Seitenanfang


Ethik in der Entwicklungsforschung

Kulturorientierte Entwicklungsforschung ist bis heute mehrheitlich ein Forschen über und nicht für, mit oder gar durch Menschengruppen. Es wird nach unten, also auf lokaler Ebene geforscht ("small places, large issues", Eriksen 2001). Das dabei gewonnene Wissen wird aber in erster Linie nach oben, dem wissenschaftlich westlich orientierten Wissensordnungsapparat (Hobart 1993) zur Verfügung gestellt, nicht den Betroffenen. Ethikfragen der Forschung werden in den meisten gängigen Lehrbüchern (vgl. dazu Antweiler 2002: 30), aber auch in Methodenhandbüchern kaum thematisiert. Anwendungsorientierte Lehr- und Methodenbücher geben dem Thema mehr Raum, so z. B. Ervin 2000 (Kap. 3), Mikkelsen 1995 oder, im deutschen Sprachraum, Girtler 2001, Kap.4). AGEE; Ethik in der Entwicklungszusammenarbeit

zum Seitenanfang


Ethik in der EZ

Entwicklungszusammenarbeit findet im Spannungsfeld unterschiedlicher Wertesysteme und Interessen und vor dem Hintergrund eines strukturellen Machtgefälles zwischen Nord und Süd (›Geber/Nehmer‹) statt. Ethische Dilemmata sind dabei für ausländische Fachkräfte unausweichlich. Sie sind ihrem Auftraggeber verpflichtet, aber sie sind es auch gegenüber der Zielgruppe und in vielen Fällen gegenüber der internationalen Öffentlichkeit. Das Dilemma lässt sich meist nur durch eine Güterabwägung lösen, aber es gab bisher in Deutschland keine berufsethischen Maßstäbe dafür.
Die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie (AGEE) hat "Ethische Leitlinien" entworfen, die Antworten z. B. auf folgende Fragen geben wollen: Wie lassen sich Entwicklungsziele und Interessen des Auftraggebers mit den möglicherweise erheblich davon abweichenden Vorstellungen der Zielgruppen vereinbaren? Wie weit kann der Partizipationsanspruch in einem kulturell scheinbar partizipationsfeindlichen Umfeld gehen? Welche Grenzen haben Schweigepflichtklauseln in Gutachterverträgen? Wie lassen sich Informantenschutz und Nachprüfbarkeit der Untersuchungsaussagen miteinander vereinbaren? 2002 gab es dazu auch eine Tagung mit reger Beteiligung aus den entwicklungspolitischen Institutionen (vgl. Bliss/Schönhuth/Zucker 2002. Vgl. auch: Bliss/Schönhuth 2002; Internetquelle 1; Internetquelle 2). AGEE; Weltethos

zum Seitenanfang


Ethnie / ethnische Gruppe

Früher wurde eine Ethnie bestimmt als eine Gruppe, die biologisch ihren Bestand weitgehend unabhängig aufrechterhält, über charakteristische Kulturwerte verfügt, ein fest gefügtes Netz von Kommunikation besitzt und sich von anderen solchen Gruppen unterscheidet (nach Barth, 1969). Heute versteht man darunter überfamiliäre und gleichzeitig familienumfassende (also Verwandtschaft organisierende) Lebensgemeinschaften, also Wir-Gruppen oberhalb der realen oder fiktiven Verwandtschaft (Lineage, Klan, Stamm) und unterhalb der Nation, die ein eigenes Selbstverständnis und selbst- sowie fremdzugeschriebene Traditionen aufweisen. Erst die Übereinstimmung von Selbst- und Fremdzuschreibung macht sie stabil. Die gesellschaftliche Konstruktion ›erblicher Identität‹ grenzt eine Ethnie von einer politischen Vereinigung ab (vgl. Elwert 1989). Im Unterschied zu Klassen und anderen Interessengruppen bezieht sich Ethnie auf Personen beiderlei Geschlechts, unterschiedlichen Alters sowie verschiedener Berufe und Statusniveaus. Eine Abgrenzung ist oft schwer (z. B. Afghanistan, wo mal 20, mal 50, mal 200 Ethnien genannt werden, vgl. Schetter 2002: 474). Ethnische Gruppen müssen im Gegensatz zu indigenen Völkern/Gruppen nicht unbedingt einen historischen Raumbezug aufweisen.
Es gibt zwei Positionen in der Ethnizitätsforschung: Die strukturelle/objektivistische betrachtet Ethnie als eine durch bestimmte Handlungsmuster, Institutionen und soziale Rollen empirisch fassbare Kategorie, während die kognitive/subjektivistische Position sich auf die Summe kollektiver Denkinhalte einer ethnischen Gruppierung bezieht. Wir-Bewusstsein, gemeinsame biologische Verwandtschaft, gemeinsames Territorium, gemeinsame Geschichte, gemeinsame Kultur (Traditionen, Deutungsmuster, Werte, Symbole etc.) sind häufige Referenzpunkte, über die sich ethnische Gruppen definieren. Die Identifizierung eines Individuums mit einer ethnischen Gruppe ist weder ständig wirksam noch unveränderlich, sondern in hohem Maße situationsabhängig (Identity Switching).
Da Ethnien oft in verstreuten Territorien leben oder sogar nur Netzwerke bilden, rücken Ethnologen zunehmend davon ab, Gruppen oder Teilgruppen als ausschließliche Forschungseinheiten zu nehmen. Jetzt erforscht man vermehrt interethnische Systeme, multiethnische Netze, globale Verknüpfungen oder soziale Bewegungen, die über einzelne Gruppen hinwegreichen. In der Feldforschung ist es zunehmend notwendig, Menschen und Probleme an mehreren Orten gleichzeitig empirisch zu verfolgen (Multisited Ethnography).

zum Seitenanfang


Ethnische Mobilisierung / Abgrenzung

Nach Terkessidis geht es dabei um politisch mobilisierungsfähige Konstruktionen der eigenen Ethnizität, die zum Teil erst im Zuge der Moderne entstanden sind. Sie erlangen zunehmende Bedeutung im Wettbewerb um Gelder, Privilegien, Ressourcen, im Verteilungskampf um Anteile und Anrechte. Teilweise schließen sich deshalb - dem Gesetz der großen Zahl in Demokratien folgend - immer mehr Minderheiten zu Großgruppen zusammen (Afroamerikaner, Gay-Bewegung ...). Ethnische Abgrenzung ist eher eine Frage der Identifizierung mit einer Facette der eigenen Herkunft, eine bewusste Entscheidung (vgl. Mayer/Terkessidis 1998; als Fallbeispiel zu Estland nach der Perestrojka: Dittmer 2003).
Ethnisierung; Ethnie oder Nation

zum Seitenanfang


Ethnisierung

Auch als "Kulturalisierung"; oder "kulturelle Essentialisierung" bezeichnetes Phänomen. Es besteht in einer Reduktion von Unterschieden zwischen Kategorien oder Gruppen von Menschen auf ethnische oder kulturelle Unterschiede. Es wird zwischen Selbstethnisierung und Fremdethnisierung unterschieden.

zum Seitenanfang


Ethnizität, ethnische Identität

Ethnizität leitet sich ab vom griechischen "ethnos = Volk" und bezeichnet die individuell empfundene Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, deren gemeinsame Merkmale z. B. Sprache, Religion bzw. gemeinsame Traditionen sein können. Bei Kultur geht es um sozial hergestellte Bedeutung, bei Ethnizität um soziale Abgrenzung (Inklusion und Exklusion), die zu Wir-Gruppenbildung führt. Ethnische Identität ist eine Form von kollektiver Identität.
Im Prozess der kulturellen Differenzierung werden gruppen- bzw. identitätskonstituierende Merkmale (sog. Identitätsmarker) wie Heimat, Abstammung, Religion und Sprache in beliebiger Anzahl und Kombination hervorgehoben und im Rahmen einer primordialen Rhetorik zur Grundlage einer um Ursprünglichkeit bemühten Definition des Eigenen und des Fremden gemacht. Sie erlaubt deshalb auch situationale Umdefinitionen gemäß wechselnder Interessenkonstellationen. Giordano (1981) spricht in diesem Zusammenhang von "rationalem Identitätsmanagement".
Gerade ihre enorme Aktualisierbarkeit verweist jedoch auf die emotionalsymbolische Kraft ethnischen Gemeinschaftsglaubens, der sich in politischer Verwendung nicht erschöpft (vgl. auch Selbst-Ethnisierung). Insgesamt zeigt Ethnizität sich also als eine Kombination von primordialer Rhetorik, welche die kulturelle Besonderheit und lange Geschichte betont, und pragmatischen situationsbezogenen Opportunismus im Aushandeln. Ebenso sind ethnische Grenzziehungen (im Gegensatz zum Nationbegriff) nicht exklusiv. Man kann sich umgreifende, überkreuzende oder auch für den Wechsel offene Zugehörigkeiten (Identitäten) zuschreiben (vgl. Schlee 1985). Staaten versuchen Ethnizität in ihrem Sinne zu regulieren. Zur Zeit der Entstehung dieser Konzepte Anfang der 1970er Jahre waren ethnisch definierte Interaktionen eher friedlich. Spätestens seit Ende der 1980er Jahre ist das Konzept von Ethnizität weltweit wesentlich politisierter, sind die Auseinandersetzungen härter geworden (vgl. Tambiah 1989: 339).
Esser sagt dazu: "Es gibt in einer Gesellschaft ein Reservoir von gedanklichen Modellen der Typisierung, Abgrenzung und von Gefühlen der Solidarität zu ›ethnischen‹ Gruppen, die nicht erst aktuell konstruiert worden sind. Sie sind in vielen kulturellen Selbstverständlichkeiten noch sichtbar, wenngleich nicht virulent. Und deshalb stoßen die aktuellen ›Konstruktionen‹ bei den Menschen auch nicht auf komplettes Unverständnis, wenn sie damit konfrontiert werden. Die Anknüpfungsmöglichkeit an durchaus schwache, latente kulturelle Muster ist eine Bedingung für alle Versuche der Wiederbelebung ethnischer Ideen und Ideologien. Gänzlich aus dem Nichts heraus kann Ethnizität sicher nicht geschaffen werden. Aber ihren Sinn müssen die versunkenen Erinnerungen über aktuelle Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen gewinnen. Und das können nur aktuelle gemeinsame und auch starke Interessen sein" (Esser 1996: 73).
Nationalcharakter; Identität, kollektive; Primordialismus
Der UNDP-Bericht zur menschlichen Entwicklung von 2004 argumentiert mit empirischen Belegen, dass politische Handlungsansätze, die kulturelle bzw. ethnische Identitäten innerhalb des Staatsgefüges anerkennen und die Entfaltung der Vielfalt fördern, nicht zwangsläufig zu Fragmentierung, Schwächung der Entwicklung oder autoritärere Herrschaft führen, wie häufig behauptet. Spannungen entstünden im Gegenteil oft gerade durch die Unterdrückung der Freiheit von Minderheiten, sich kulturell auszudrücken (Freiheit, kulturelle). Kulturelle/ethnische Identität spielt bei Konflikten wie z.B. in Ruanda in den 1990ern eine Rolle, allerdings weniger als Ursache, denn als Triebkräfte für politische Mobilisierung (vgl. UNDP 2004: 3ff). (Konflikte, ethnisierte; Kulturalismus).

zum Seitenanfang


Ethnologie

Auch Kulturanthropologie, bzw. Völkerkunde (engl. cultural anthropology, social anthropology, frz. ethnologie; sp. antropologia cultural); die Wissenschaft, die die Daseinsgestaltung menschlicher Kollektive (Gruppen, Netzwerke) im umfassendem Sinn ausgehend von einem holistischen Kulturbegriff erforscht; früher zu fremden, fernen und vermeintlich einfachen ("primitiven") Gesellschaften, heute grundsätzlich zu jeglichen Kollektiven, auch zur eigenen Gesellschaft; methodisch stehen intensive Mikrostudien (mittels "Feldforschung") zu Teilbereichen von Gesellschaften und kulturvergleichende Studien (Cross-Cultural Studies) im Zentrum.

zum Seitenanfang


Ethnologie der Globalisierung

"Der ganzheitliche Anspruch der Ethnologie ist im Zeitalter der weltumspannenden Vernetzung immer schwerer einzulösen und stellt die Disziplin vor neue theoretische und methodologische Aufgaben", stellen Breidenbach/Zukrigl 2002b fest. Und sie fahren fort: "Immer seltener sind Kultur, Gesellschaft und Ort deckungsgleich. In einer Welt, in der die Kontakte zwischen räumlich weit voneinander entfernten Gesellschaften exponentiell zunehmen, lässt sich das traditionelle Forschungsgebiet der Ethnologie (außereuropäische, vormoderne Gesellschaften) nicht mehr isolieren. Zeitgenössische ethnologische Forschung hat die künstliche Trennung zwischen Wir (im Westen) und den Anderen (der Rest der Welt) überwunden und untersucht das moderne Leben überall: afrikanische Managementtechniken, die Lebensentwürfe junger Deutschtürken, chinesischen Europa-Tourismus oder die Bedeutung des Internets in Trinidad." (Breidenbach/Zukrigl 2002b). Multisited Ethnography

zum Seitenanfang


Ethnonationalismus

Ethnische Gruppe und Ethnozentrismus sind nach Kellas (1998) mit Nation und Nationalismus vergleichbar. Der Unterschied liege in den engeren Definitionen von ethnischer Gruppe und Ethnozentrismus, die eher in der sozialpsychologischen Theorie verwurzelt sind als Nationalismus, der explizit ideologische und politische Dimensionen hat. Ethnien seien in der Regel kleiner als Nationen, eher auf gemeinsame Abstammung und Geschichte bezogen, ausschließender (exclusive) und zuschreibender, d.h. ihre Mitgliedschaft ist auf diejenigen beschränkt, die bestimmte ›angeborene‹ Attribute miteinander teilen (vgl. Kellas 1998: 5).
Allerdings zeigt die neuere Forschung zu Ethnizität, dass ethnische Zugehörigkeit gerade nicht exklusiv ist. Man kann sich umgreifende, überkreuzende oder auch für den Wechsel offene Zugehörigkeiten (Identitäten) zuschreiben (vgl. Schlee 1985).
Auch Dittmer kritisiert in einer Arbeit zur Mobilisierung ethnischer Unterschiede: "Die Erklärung der Unterschiede zwischen ›ethnischer Gruppe‹ und ›Nation‹ leuchtet allein schon empirisch nicht ein - ohne weiteres lassen sich zahlenmäßig große Ethnien und demgegenüber kleine Nationen als Beispiele finden. Mehr noch ist es auf der Analyseebene bereits schwierig, das Maß der gemeinsamen Abstammung oder die Bedeutung ihres Platzes in der Menschheitsgeschichte zu bestimmen, gerade wenn - wie von Kellas unterstellt - kein qualitatives Merkmal ethnische Gruppen von Nationen trennt. (...) Die Abgrenzung entlang ethno-nationaler Linien ist nichts anderes als der Versuch, Herrschaft und ethnische Zugehörigkeit in Übereinstimmung zu bringen. Ob diese Grenzziehung in Westeuropa anders, d. h. inklusiver, liberaler, demokratischer wirkt als in den Ländern, die als ›ethnische‹ Nationen gekennzeichnet werden, weil stärkere Zivilgesellschaften bereits vor Staatsgründung vorhanden waren, ist dabei fraglich" (Dittmer 2003; Internetquelle).
Konflikte, ethnische; Konflikte, ethnisierte; Rassismus ohne Rassen

zum Seitenanfang


Ethnopluralismus

Der Begriff Ethnopluralismus setzt sich aus dem griechischen ethnos (Volk) und dem lateinischen pluralis (aus mehreren bestehend, zu mehreren gehörig) zusammen. Die Protagonisten des Ethnopluralismus vermeiden meist das negativ konnotierte Wort Rasse und benutzen stattdessen die Begriffe Volk oder Kultur. Insbesondere die intellektuelle Neue Rechte versteht den Begriff als Synonym für ›Völkervielfalt‹. So wurde aus der ›rassischen Vielfalt‹ der ethnische Pluralismus.
Universalistische Ansätze (Marxismus, Liberalismus, Humanismus) bzw. egalitäre Ideale der Moderne (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) und ihre politischen Pendants (gleiche Würde, gleiche Rechte eines jeden Menschen im Staat) lehnen Vertreter des Ethnopluralismus mit dem Hinweis auf die biologische Verschiedenheit des Menschen und in Berufung auf Ergebnisse der Verhaltensforschung ab. "Indem sie Beobachtungen aus dem Tierreich auf das menschliche Zusammenleben übertragen, behaupten sie, dass es dem natürlichen nicht veränderbaren Verhalten entspreche, wenn Menschen Fremde oder Migranten ablehnen. Die Solidarität innerhalb der eigenen Gruppe (Ethnie/Volk) wird ebenso wie die Abgrenzung nach außen, das heißt die Fremdenfeindlichkeit, als ein natürliches Verhalten angesehen. Die Zugehörigkeit zu einem Volk, die durch die Geburt festgelegt sei, ist aus dieser Sicht die entscheidende Prägung des Menschen, ihr gegenüber seien Willensentscheidungen, etwa die Annahme einer Staatsbürgerschaft, bedeutungslos" (Innenministerium NRW; Internetquelle).
Das Konzept, so erläutert das Innenministerium in seinem Internetglossar weiter, "geht auf Ideen zurück, wie sie beispielsweise der Theoretiker des italienischen Faschismus, Julius Evola, formuliert hat: ›Nicht jedem ersten besten kann Menschenwürde zugesprochen werden, und auch wo sie vorhanden ist, erscheint sie in verschiedenen Abstufungen.‹ Ethnopluralismus lehnt die Integration von Menschen verschiedener Herkunft und Kultur ab, da die Völker und Nationen dadurch ihre kulturellen Eigenarten, ihre Identität und letztlich ihre Qualität verlören. Auf diese Weise dient der Ethnopluralismus im rechtsextremistischen Verständnis dem Erhalt der ›nationalen Identität‹ (...).
Der Ethnopluralismus tritt in der Regel nicht im Gewande eines plumpen Rassismus auf. Meistens geht er nicht von einer grundsätzlichen Höherwertigkeit der eigenen Volksgruppe aus, billigt aber Menschen anderer Herkunft im Inland tendenziell nicht die gleichen Menschenrechte zu bzw. verweist sie auf die jeweiligen Herkunftsländer" (Innenministerium NRW; Internetquelle; vgl. auch: Internetquelle). Rassismus ohne Rassen

zum Seitenanfang


Ethnopolitik

Politik von Nationalstaaten gegenüber indigenen Völkern bzw. anderen Minderheiten (z. B. Migranten) im eigenen Land. Ethnische Minderheiten; Ethnizität, politisierte (vgl. auch Dittmer 2003)

zum Seitenanfang


Ethnoscapes

Der Begriff, übersetzt ›ethnische Räume‹, wurde vom indo-amerikanischen Ethnologen Arjun Appadurai Anfang der 1990er geprägt. Ethnische Räume beschreiben Gruppenidentitäten, die sich eher unabhängig von Territorien entwickeln. Lokale Bedeutungen werden ihrer tradierten Umwelt enthoben und in neuen Zusammenhängen präsentiert. Beispiele sind das weltweite Netzwerk der Auslandschinesen, aber auch anderer Diasporen, wie z. B. die Indoamerikaner die heute in enger Verbindung und Austausch zu den Herkunftsräumen stehen. (Ein köstliches Beispiel solch einer transkulturellen Situation gibt Appadurai für seine eigene Familie; vgl. Appadurai in der Einleitung zu diesem Glossar).
"In dem Ausmaß, in dem Menschen heute mit ihren kulturellen ›Bedeutungen‹ im Raum unterwegs sind und in dem diese Bedeutungen selbst da auf Wanderschaft gehen, wo die Menschen an ihren angestammten Orten bleiben, können geographische Räume Kultur nicht wirklich beinhalten oder gar begrenzen" (Hannerz 1995: 68). Räumliche Konstellationen bleiben zwar weiterhin bedeutsam, sind aber zunehmend "entbettet" (Giddens), d. h. der lokale Schauplatz wird auch durch Nichtanwesende strukturiert.
Die Thesen der Entterritorialisierung übersehen allerdings häufig, dass die lokalen Gesellschaften als verwaltungstechnisch definierte Konsumeinheiten fortbestehen. So stellt Pfaff-Czarnecka fest: "Gerade in Situationen der gesellschaftlichen Umverteilung sind der menschlichen Kreativität keine Grenzen gesetzt, wenn es gilt, Ressourcen zu akquirieren. Die eigene lokale Gesellschaft als Vision einer homogenen Gemeinschaft darzustellen, basiert auf einer gekonnten Verbindung zwischen lokalen Werten und den universelle Geltung beanspruchenden Bedeutungen, die von außen hereinbrechen" (Pfaff-Czarnecka o. J.; Internetquelle). Hier geht es um den strategischen Umgang mit kulturellen Repertoires, die je nach Kontext benutzt werden.
Heimat; Kultur als Fluxus; Essentialismus, strategischer

zum Seitenanfang


Ethnozentrismus

Ethnozentrismus bezeichnet die Tendenz, die eigene Kultur als Zentrum aller Dinge und als Maßstab für andere Kulturen zu betrachten. Die eigene Kultur bzw. ›Wir-Gruppe‹; wird positiv von anderen Gruppen abgegrenzt. Er ist die "Tendenz zur Höherschätzung des Heimatlich-Vertrauten, des Bodenständigen und Immer-so-gewesenen, verbunden mit entsprechendem Misstrauen gegen alles Fremde, Andersartige, aus der gewohnten Ordnung Fallende" (Bischof 1992: 40).
Die Herabsetzung des Fremden, Andersartigen geschieht auf der einen Seite durch "Verdinglichung und Essentialisierung": Wir-Sie-Kategorisierung; Ungleichbewertung (Eigenes besser als Fremdes); Ungleichbehandlung (Diskriminierung); Ent-Individualisierung (Person nur als Gruppenmitglied wahrgenommen). Auf der anderen Seite durch "Naturalisierung": Ungleichheit in Bezug gesetzt mit äußeren Körpermerkmalen; Schluss von äußerlichen Merkmalen auf innere (psychische) Eigenschaften; Übertragung einzelner zugeschriebener Eigenschaften auf alle (Totalisierung); Annahme der Ursprünglichkeit und Unveränderlichkeit der insgesamt ›natürlichen‹ Unterschiede (Fixierung; Primordialismus) (vgl. Antweiler 2004).
Die sozialpsychologischen Wurzeln des Ethnozentrismus könnten im von Tajfel untersuchten Minimalgruppenparadigma liegen. Ethnozentrismus ist wie "Rassismus" und "Ausländerfeindlichkeit" eines der Wörter, die heute in den Medien, aber oft auch von Wissenschaftlern ohne genaue Spezifizierung verwendet werden (für Beispiele siehe Antweiler 2004).
Polyzentrismus; Rollendistanz; Empathie; Ethnizität; Othering

zum Seitenanfang


Ethnozid

Ethnozid bedeutet "kulturellen Tod", also das Ende der Existenz von Kultur. Absichtlich herbeigeführter Ethnozid ist "der Versuch, die kulturelle Existenz einer Ethnie zu vernichten" (Bolz 1999: 112), meist ausgelöst durch das "auf Rassismus beruhende Überlegenheitsgefühl einer dominanten Gesellschaft gegenüber ethnischen Minderheiten" (Bolz 1999: 112).
Beispiel für den Versuch eines Ethnozids ist die Sicht mancher US-Amerikaner bis in die 1960er Jahre hinein, die glaubten, das ›Indianer-Problem‹ durch Umerziehung und Umsiedlung der Reservationsbevölkerung in Großstädte lösen zu können mit dem Ziel, dass sich die indianische Bevölkerung in den ›Schmelztiegel‹ USA integrieren und ihre eigenständige ethnische Existenz aufgeben würde (vgl. Bolz 1999: 112).

zum Seitenanfang


Europäische Union

Der Kulturbegriff der Europäischen Union ist im Wesentlichen ein enger, auf Kulturpolitik, Kulturaustausch und Kulturerbe bezogener. Es wird aber auch in einem weiteren Sinne von der ›Schaffung eines gemeinsamen europäischen Kulturraums‹ gesprochen.
Nach Selbsteinschätzung in einem Papier der Europäischen Union wurde der Wunsch nach kulturellen Maßnahmen auf europäischer Ebene bereits in den 70er Jahren deutlich. Offiziell wurde der Kulturbegriff jedoch erst im Jahr 1992 des Maastrichter Vertrags thematisiert. Darin wird die Europäische Union aufgerufen, "einen Beitrag zur ›Entfaltung der Kulturen der Mitgliedstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes‹ zu leisten." Zur Schaffung eines wirklichen europäischen Kulturraums unterstützt die Union ihre Mitgliedstaaten in diversen Bereichen, z. B. durch die Erhaltung des kulturellen Erbes von europäischer Bedeutung; nichtkommerziellen Kulturaustausch; Förderung/Austausch von künstlerischem und literarischem Schaffen, Zusammenarbeit mit Drittländern und den für Kultur zuständigen internationalen Organisationen. Im Jahr 2000 nahm die Kommission mit dem Rahmenprogramm ›Kultur 2000‹ ein neues Konzept für ihre Tätigkeit im Kulturbereich an. "Ziel dieses Konzepts ist die Schaffung eines gemeinsamen kulturellen Raums durch die Förderung des kulturellen Dialogs, des kreativen Schaffens, der Verbreitung der Kultur, der Mobilität der Künstler und ihrer Werke, des europäischen kulturellen Erbes, neuer Formen des kulturellen Ausdrucks sowie der sozioökonomischen Rolle der Kultur." (vgl. Europäische Union 2004: Internetquelle)
Yasemin Soysal geht 2003 in einer Standortbestimmung zur Kultur Europas der Frage nach, was eigentlich europäische Identität bestimmt. Anders als bei nationalen Kategorien von Identität findet Europa seine Legitimität danach nicht primär in seiner tief verwurzelten Geschichte oder in seinen historischen Kulturen. Das neue Europa ist zukunfts- und nicht vergangenheitsorientiert. Was Europa zusammenhält, so Soysal aufgrund ihres Vergleichs aktueller Bildungsinhalte, ist eine Reihe bürgerlicher Ideale, universalistischer Glaubenssätze und Prinzipien. Allerdings sind diese so universal, dass sie nicht mehr speziell Europa zugeordnet werden können. Dies macht es unmöglich, eine territorial und kulturell gebundene Identität Europas zu bestimmen. Dem neuen Europa mangele es an Originalität und seine Identität scheint keine Herausforderung für nationale Identitäten zu sein. Noch immer ist ein bedeutender Teil des Geschichtsunterrichts in Schulen der nationalen oder regionalen Geschichte gewidmet. Aber die Lehrbücher stellen andererseits Nation und Identität zunehmend in einen europäischen Kontext, und in diesem Prozess wird auch die Nation neu interpretiert.
So resümiert Soysal: "Europa ist ein strittiges und unfertiges Projekt, offen für Modifikationen und neue Entwicklungen. Doch was noch wichtiger ist: Es sollte niemals mit einer schlüssigen und einheitlichen Darstellung enden. Denn nur in dieser Art Europa (und der Art von pluraler Identität, die es ermöglicht) finden sowohl der Osten und der Westen als auch der Süden und der Norden ihren Platz und werden somit Bestandteil eines vielfältigen kulturellen Europas" (2003: 38) (...) "Je weiter die institutionelle Integration der EU mit ihren Institutionen und Regierungsprinzipien fortschreitet, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Identität und Kultur" (Soysal 2003: 35; Internetquelle). Dies steht in deutlichem Kontrast zum derzeit politisch wieder lancierten Begriff einer europäischen Leitkultur.

zum Seitenanfang


Evaluierung

... (vom engl. evaluation). Die Bewertung von Prozessen und Ergebnissen, besonders in sozialen Handlungsbereichen
Evaluierung in der Entwicklungszusammenarbeit steht heute vor dem Hintergrund der ›4. Generation‹ von Evaluation. Nicht mehr Projekt-Outputs, sondern Fragen zu Programmeffekten (impacts), Zielgruppenerreichung und Stakeholder-Sichtweisen stehen dabei im Vordergrund. Weniger Objektivität der Ergebnisse, als vielmehr Glaubwürdigkeit (trustworthiness), kulturelle Anschlussfähigkeit und Handlungsrelevanz stehen nun im Vordergrund von Evaluation. Methodologische Probleme bei Evaluierungen liegen unter anderem in der Frage, welche Verfahren für welche Gegenstände angemessen sind und welche Leistung wie gewichtet werden soll. Auch richtet die evaluierte Institution ihr Verhalten nicht selten auf die Evaluierungspraxis aus: "Man tut, was gemessen, und unterlässt, was vom Bewertungsraster nicht erfasst wird" (Bröckling et al. 2004).
Eine Ex-Post-Evaluierung von 32 abgeschlossenen Projekten der deutschen Staatlichen Zusammenarbeit (BMZ 2000) zeigte einen signifikanten Zusammenhang zwischen Zielerreichung und Kulturangepasstheit: So hat sich herausgestellt, dass ein Zielkonsens zwischen der deutschen Seite und dem lokalen Projektträger aber auch mit den Zielgruppen von Beginn an von zentraler Bedeutung ist. Deshalb müsse den soziokulturellen Rahmenbedingungen der gleiche Stellenwert zukommen wie ökonomischen und naturwissenschaftlichen. Der erste Faktor hat mit der Fähigkeit zu einem offenen und gleichwohl ›kultursensiblen Dialog auf Augenhöhe‹ zu tun; der zweite erfordert "die genaue Kenntnis der Problemsicht, der Ressourcen und der kulturell geprägten Eigenheiten von Zielgruppen" (BMZ 2000: 10).
Partizipative Evaluierungsdesigns haben Auswirkungen auf veränderte TORs, Auswahl der Gutachter, Art der Evaluierungsinstrumente und einen veränderten Status der Befragten, z. B.: Welche Fragen interessieren den Partner? In welchem Verhältnis stehen die externen Leistungen zum erforderlichen Mitteleinsatz auf Seiten der Partner? Partizipatorische Evaluationsdesigns sind durchaus aufwendig, sowohl was Vorbereitung, als auch was die Kosten betrifft. Ihr Einsatz bei Evaluationen sollte gerechtfertigt sein. Sie eignen sich besonders für gewichtete und genderspezifische Aussagen zu Wirkungen von Aktivitäten; zur Erhebung von Sichtweisen einzelner Stakeholder und deren Vernetzung; für das Entdecken versteckter Indikatoren und Kriterien; für Fragen der ›Performance‹ und der Zusammenarbeit zwischen einzelnen Stakeholdern/Akteuren. (Zum Weltbankkonzept des Participatory M&E vgl.: World Bank 2003a; Internetquelle)
EVAL bezeichnet ein neues elektronisches Evaluierungsverfahren, eine Interviewsoftware, die die GTZ zusammen mit der Bremer Unternehmensberatung Neuhimmel (www.nextpraxis.de) entwickelt hat. Es wird schrittweise die bisherige Praxis, in der Ergebnisse und Wirkungen mittels Fragebögen erfasst wurden, ablösen. Die drei jeweils am besten informierten Personen der GTZ, des Partners und der Zielgruppen bzgl. eines Projekts beantworten in einem Selbstinterview Fragen (z. B. woran sie Erfolg oder Fehlschlag des Projektes bemessen würden). Die subjektive Meinung bildet einen Bedeutungsraum ab, den der Computer grafisch darstellen kann. Dabei wird der ›Kultur‹ im EVAL nicht explizit benannt, sondern als eine der Intervention in fremde soziale Systeme inhärente Komponente der EZ vorausgesetzt. (vgl. Dümcke 2003: 23).

zum Seitenanfang


Evolution

Ein sehr unterschiedlich verwendeter Terminus; meist verstanden als gesellschaftlicher Wandel, der langfristig, gleichmäßig bzw. stetig verläuft; im Gegensatz zu Revolution; oft als Komplexitätssteigerung aufgefasst (im Gegensatz zu "Devolution"); besonders oft in wertender Weise mit Höherentwicklung ("Fortschritt"; Hochkultur) gleichgesetzt und dann auch synonym mit "Entwicklung"; gebraucht.

zum Seitenanfang


Exil

Unter Exil versteht man nach Kokot "... den Aufenthalt in einer als fremd wahrgenommenen Umgebung, dessen Anlass nicht als freiwillige Entscheidung wahrgenommen wird und dessen zeitliche Dauer nicht der eigenen Kontrolle unterliegt. Das heißt: Menschen im Exil können zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht zurück. Der Faktor der Fremdheit spielt in der Erfahrung des Exils eine entscheidende Rolle. Um die unbestimmte Möglichkeit der Rückkehr nicht ganz aus den Augen zu verlieren, muss ein symbolischer Bezug zur ›Heimat‹ immer neu konstruiert werden. Ein primäres Mittel dazu ist die Konstruktion von Geschichte und die Erfindung und Vitalisierung gemeinsamer Traditionen.
Nicht alle Menschen im Exil sind im engeren Sinne Flüchtlinge. Im Exil geborene Kinder und Enkel haben die traumatischen Ereignisse der Flucht nicht selbst erlebt. Dennoch teilen sie die Erfahrung des nicht-freiwillig-in-der-"Fremde"-Lebens. Es bliebe in diesem Zusammenhang beispielsweise zu klären, inwieweit Geschichten über die Flucht und den Neuanfang als Erzählmuster über Generationen tradiert werden und somit auch für die Kinder und Enkel identitätsstiftend wirken" (Kokot 2003; Internetquelle).
Diaspora; Heimat

zum Seitenanfang



Begriffe: E

Eigenes
Eisbergmodell
Emisch vs. Etisch
Empathie
Empowerment
Enkulturation
Entwicklung
Entwicklung, autozentrierte
Entwicklung, soziale
Entwicklungs-
ethnologie

Entwicklungs-
ethnologie und Kultur

Entwicklungs-
ethnologie und partizipative EZ

Entwicklungs-
faktoren, endogene

Entwicklungs-
partnerschaft

Entwicklungs-
theorien

Entwicklungs-
zusammenarbeit

Erlebniskultur
Essentialisierung
Essentialismus, kultureller
Essentialismus, strategischer
Ethik
Ethik in der Entwicklungs-
forschung

Ethik in der EZ
Ethnie / ethnische Gruppe
Ethnische Mobilisierung /
Abgrenzung

Ethnisierung
Ethnizität, ethnische Identität
Ethnologie
Ethnologie der Globalisierung
Ethnonationalismus
Ethnopluralismus
Ethnopolitik
Ethnoscapes
Ethnozentrismus
Ethnozid
Europäische Union
Evaluierung
Evolution
Exil
Kontakt Autor Literatur Suche Links Einleitung Impressum